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Sogar der Gute wird erlöst ...

Wilhelm Maas in der Zeitschrift "Novalis", Nr. 6 - Dezember 2004, S. 75-77:
Christliches im Buddhismus?

Zum neuen Buch von Takamaro Shigaraki
Sogar der Gute wird erlöst, um wie viel mehr der Böse

"Sogar der Gute wird erlöst, um wie viel mehr der Böse." Schon dieser Titel des hier vorgestellten Buches überrascht den Leser: Hätte er es nicht gerade anders herum erwartet und formuliert, im Sinne von "Sogar der Böse wird erlöst, um wie viel mehr der Gute"? Dieser letzte Satz erscheint doch viel "vernünftiger". Uns vielleicht, nicht aber dem Autor dieses Satzes, dem buddhistischen Meister Shinran (1172-1263), dem Mitbegründer der "wahren Schule vom Reinen Land" (Jôdo Shinshû), einer in Japan weit verbreiteten buddhistischen Strömung, die im Westen allerdings, im Vergleich mit Zen und Tibetischem Buddhismus, noch nicht hinreichend bekannt ist (vor allem christliche Theologen haben sich intensiv mit ihr beschäftigt).
Der "Böse" im Sinne des Zitats ist derjenige, der die "Hölle" und das Böse in sich klar erkennt und darum in schonungsloser Selbsterkenntnis sich von seiner (scheinbar) eigenen Kraft (der angeblichen Kraft des sog. "Guten") abkehrt und einzig und allein nur auf die Befreiung und Erlösung durch die "Andere Kraft" des Buddha Amitâbha vertraut, der vor unermesslich langer Zeit als der ewige unendliche Buddha, als ewiges Prinzip der Buddhaschaft sozusagen, aus Mitempfinden das Gelübde abgelegt hatte, kein Buddha zu werden, solange nicht alle Wesen befreit seien. Der Königsweg dorthin ist das Aussprechen des "Nembutsu", der Worte "Namu Amida Butsu" ("Verehrung dem Buddha Amida"). Auch wer keine Zeit oder Begabung für intensive Studien und Meditationen hat, kann so Befreiung von Gier, Hass und Verblendung finden.
Dies alles erfährt der Leser dieses Buches aus erster Hand, von einem authentischen "Insider", einem der führenden Buddhologen Japans, einem Tempel-Vorsteher, dem Sohn eines buddhistischen Priesters. Takamaro Shigaraki (geb. 1926) ist durch seine "existentialistische" Interpretation der Lehren Shinrans besonders bei jungen Intellektuellen beliebt, geriet durch sie aber öfter in Konflikte mit der "Hierarchie", was jedoch kein Hindernis darstellte, dass er zum Rektor der berühmten Ryûkoku-Universität in Kyoto gewählt wurde.
Shigaraki betont immer wieder, dass diese buddhistische Strömung, dieser oft als "leicht" angesehene Weg, "leicht" sei und schwer zugleich. Zwar handelt es sich hier ganz und gar um ein Geschenk des Buddha, um die geschenkte Erfahrung der "Anderen Kraft" Amidas bzw. Amithâbas. Und leicht ist der Nembutsu-Weg Shinrans auch insofern, als hier keine asketischen Übungen wie jene der Mönche gefordert sind und kein umfangreiches Wissen benötigt wird. Doch er ist zugleich schwer; denn ich muss durch die "Hölle" meiner schonungslosen Selbsterkenntnis gegangen sein und die totale Hingabe leben, die in dem aufrichtigen Wunsch besteht, nichts weniger als ein Buddha zu werden, die Lehre genau zu hören, um wahrzunehmen, was sich tief in mir vollzieht, erfahren, was wirklich los ist. Sich selbst studieren aber heißt: sich selbst, sein auf sich bezogenes Selbst, loslassen.
Shigaraki beschreibt in den sieben Kapiteln des Buches in eindrucksvoller, detaillierter Weise den Tiefgang dieses Prozesses. Zu den zentralen Grunderfahrungen der Jôdo Shinshû gehört Shinjin: der Weg durch die Höllenfahrt zur Geburt im Reinen Land, das kein weltlicher Ort ist, sondern eine spirituelle Wirklichkeit, die Welt des unbegrenzten Buddha Amithâba, die sich in der die Spaltung von Subjekt und Objekt überwindenden Weisheit (prajnâ) und in dem sich unterschiedslos allen Wesen zeigenden Mitleid (karûna) offenbart. Das alte Wesen vergeht, der neue Mensch entsteht, schon hier und jetzt. Es gibt keine Bedingungen und Vertröstungen, nichts wird aufgeschoben bis nach dem Tod. Wir gelangen zur Gewissheit unserer Geburt im Reinen Land. Ich überlasse mein Leben ganz dem Buddha. Mein Leben und Sterben findet ganz im Herzen des Amithâba statt. Die hundert Seiten dieses Buches ermöglichen es, diesen Erlösungsprozess durch die Praxis des Nembutsu im Einzelnen denkerisch und spirituell konkret nachzuvollziehen. (Übrigens: Der Rezensent hat selten eine so klare und das Wesentliche treffende Beschreibung der philosophischen Hauptlehren des Buddha gelesen wie diejenige, die uns Shigaraki im 2. Kapitel dieses Buches präsentiert.)
Zwei der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Hans Urs von Balthasar und Henri de Lubac (dieser mit einem großen, 1955 in Paris veröffentlichten Werk zum Amida-Buddhismus), haben immer wieder auf die große Nähe dieser fern-östlichen Strömung zum Christlichen hingewiesen. Auch der Protestant Karl Barth gehört in diese Reihe. Und wer die wenigen Sätze der bahnbrechenden Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen, "Nostra Aetate", studiert, bemerkt, dass dort, ohne dass der Name Amida fällt, eben diese Strömung gemeint ist, wenn es unter der Nr. 2 heißt: "In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder - sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe - zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen."
Der renommierte Religionswissenschaftler und Theologe Dennis Gira vom Institut Catholique de Paris, Spezialist für Fragen des Buddhismus, hat den Amida-Buddhismus die "Mystik der Armen" genannt - er meint die geistig-spirituell Armen, die "Bettler um Geist" -, und Shinran den "Martin Luther des japanischen Buddhismus". Er schätzt die Bedeutung dieser Strömung für Japan nicht nur zahlenmäßig höher ein als den Zen.
Man darf aber nicht vorschnell aus den - indirekt auch in Shigarakis Buch - deutlich gewordenen Parallelen konvergierende Linien machen; denn die von Shigaraki so klar und einleuchtend dargestellte Strömung vom "Reinen Land" ist natürlich tief verwurzelt im Mahayana-Buddhismus und stellt sich so jedem Gedanken von "Andersheit", also auch von einem persönlichen, "ganz anderen" Gott, entgegen. Während Shinran und alle "Amidisten" in einer Terminologie sprechen, die dem abendländischen Menschen auf den ersten Blick signalisieren könnte, dass zwischen Amida und dem Gläubigen eine persönliche Beziehung besteht, ist die Wahrheit, dass sie letztlich, jenseits der Erscheinungen, zutiefst eben doch nicht zwei sind. Und wenn das Vertrauen auf die eigene Kraft als Hindernis für die Wiedergeburt im Reinen Land und also für das "Erwachen" angesehen wird, dann aus dem Grund, dass jedes Bemühen aus diesem Geist heraus, nämlich im Hinblick auf den Fortschritt auf dem spirituellen Weg, niemals frei sein kann von der Verhaftung an sich selbst, an sein Ich. Die vom Buddhisten Shigaraki so wunderbar einfühlsam aufgezeigte Tradition vom Reinen Land steht also klar und eindeutig im Inneren der Hauptströmung des buddhistischen Denkens. Die Lehre Shinrans, nach der Amida alles tut, und zwar letztlich unabhängig vom Bemühen des Menschen, stellt in der Tat für die Amida-Gläubigen den letzten logischen Schritt dar, der unausweichlich zur Eliminierung jeder sein Ich/Selbst betreffenden Illusion führt. Und das ist am Ende das Ziel jeder authentischen Strömung des Buddhismus.
Wenn ein Christ und ein Buddhist ihren je eigenen Glaubensweg radikal ernst nehmen, könnten sie zunächst, noch bevor es dann später in Sachen "Lehre" (Nirvana usw.) inhaltlich auseinandergeht, die (formale) religiöse Qualität der totalen Hingabe, des Großen Gelübdes (Gugan) im Sinne Shinrans, gemeinsam haben und voneinander lernen. Insofern gibt es einen bei beiden analogen, also ähnlich-unähnlichen, spirituellen Prozess hin zu diesem klaren, tiefgreifenden persönlichen Entschluss, mit dessen Beschreibung Shigarakis Buch endet: "Letztlich kann ich mich auf keine Beziehung verlassen, auf nichts in der Welt sicher stützen. Alles, woran ich mich hänge, wird mir entgleiten. Das Nembutsu ist nichts, was ich nur vage akzeptieren könnte ... Ob ich mich an die eitlen Dinge dieser Welt hänge oder mich im Spiegel religiöser Lehren in meiner Wahrheit sehe und auf den Weg mache, fordert meinen klaren Entschluss heraus" (99).
Bei aller (formalen) Ähnlichkeit bleibt also (inhaltlich-lehrmäßige) Unähnlichkeit. Gilt hier darum für den Christen der vom renommierten Buddhismus-Forscher Volker Zotz - er hat Shigarakis Buch aus dem Japanischen übersetzt und ein sehr erhellendes Vorwort geschrieben - formulierte provokative Satz: "Ist der Buddhismus ein Weg des Loslassens, sind vielleicht gerade jene die konsequentesten Buddhisten, die ihn wieder verlassen"?

Wie dem auch sei: Shigarakis Buch ist wahr und authentisch, weil es von einem in jeder Hinsicht verlässlichen Insider, einem Buddha-Gläubigen, geschrieben ist. Wer es als Christ liest, erfährt nicht nur aus erster Hand auf höchster Reflexionsstufe und in kristallener Klarheit Wesentliches von einer im Fernen Osten hochbedeutsamen und weitverbreiteten, im Westen aber leider noch ziemlich unbekannten Religion, er sieht auch seinen eigenen Glauben gespiegelt in dieser "christlichen" Buddhismus-Strömung. Im Anderen erkennt er besser sein Eigenes. Eine heilsame Verunsicherung geht aus von diesem Buch, eine Mahnung, ein religionsgeschichtlich uraltes, höchst relevantes Thema jeder Weltreligion, das Verhältnis nämlich von "Glauben und Werken", nicht vorschnell simplifizierend einer glatten "Lösung" zuzuführen.

 

Luxemburger Wort, 30.09.2004:

Hierbei handelt es sich um eine von Volker Zotz in gut lesbares Deutsch übertragene Abhandlung des ehemaligen Rektors der Ryûkoku-Universität in Kioto, Takamaro Shigaraki, in der dieser das Werk des buddhistischen Meisters Shinran (1172-1263) vorstellt und erläutert. Hierbei wird die für den japanischen Buddhismus bedeutende Tradition der "wahren Schule vom reinen Land" in ihrem historischen Zusammenhang erläutert und für die Gegenwart fruchtbar gemacht; gleichwohl kann man das Werk auch als eine allgemeine Einführung in den Buddhismus lesen.

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