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Klackamusa

Thomas Dumond in forum für Politik, Gesellschaft und Kultur.
September 2004 (Nr. 239), S. 47-49:

Der Surrealist Richard Anders veröffentlicht in Luxemburg

Warum erscheint das autobiografische Prosawerk eines Ostpreußen ausgerechnet in einem Luxemburger Verlag? In einer Presseinformation des Verlages KairosEdition kann der Rezensent nachlesen, dass man den Standortvorteil des mehrsprachigen Großherzogtums nicht zuletzt dazu nutzen möchte, um Brücken zu schlagen zwischen der französischen und der deutschen Kultur. Dieser Versuch eines Brückenschlages darf mit der Produktion des Buches Klackamusa von Richard Anders als schon im Auftakt vollauf gelungen gelten.

Der Autor Richard Anders wurde 1928 im östlichsten Deutschland, nämlich in Ostpreußen, geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Die verschlungenen Wege seines Lebens führten ihn über Griechenland und Kroatien schließlich nach Paris, wo es zum entscheidenden Treffen mit André Breton kam, in dessen Surrealistengruppe Anders fortan verkehrte. Die deutsche Wochenzeitung Die Zeit hat es in einer Rezension in poetische Worte gefasst: „Die Begegnung mit Breton war für Richard Anders eine Art brennendes Dornbuscherlebnis. Von Stund an konnte er über den Wassern wandeln und von den Steinen des Weges leben, die sich in Brot verwandelten. In wunderbar zwischen den Lippen gefundene Worte.“

Richard Anders‘ vom Surrealismus Bretons inspiriertes Werk, für lange Zeit eine Art literarischer Geheimtip, ist in der Tat in mancher Weise eine deutsch-französische Symbiose. Lyrikbände wie Die Entkleidung des Meeres (1969), Preußische Zimmer (1974) oder Die Pendeluhren haben Ausgangssperre (1998) verraten den Einfluss des französischen Surrealismus nicht nur formal in den Sprachbildern. Sie machen immer wieder deutlich, dass Richard Anders virtuos jene Kunst beherrscht, die Breton in seinem Ersten Manifest des Surrealismus (1924) als „reinen psychischen Automatismus“ bezeichnet hatte, „ durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.“ Auch wenn es Breton gerade nicht um die ästhetische Wirkung ging, kann ein solches Schreiben ohne die üblichen mentalen und moralischen Kontroll- und Zensurinstanzen Bilder von besonderem Zauber hervorbringen. Richard Anders‘ Gedichtzyklus Mittelmeerisch (1974) ist folgendes Beispiel entnommen:

Eine ausgedörrte Alte in Schwarz
die nie im Meer schwamm
weil Seejungfrauen und Speck
von Adam und Eva aus Frankfurt
beileibe nicht durchs Nadelöhr gehn
spießt mich samt Papier
mit Blicken auf
und tut mich
in den lackschwarzen Plastiksack
wo ich alle Hoffnung fahren lasse

Auch die surrealistischen Sprichworte, mit denen in Frankreich besonders Paul Eluard hervortrat, wurden für Richard Anders zu einem wichtigen Medium des Ausdrucks. Während Paul Eluard hauptsächlich allgemein bekannte Redensarten variierte, dominiert bei Richard Anders der originelle Aphorismus, wofür sein Band Fußspuren eines Nichtaufgetretenen (1996) beispielhaft stehen kann. „Wenn Ergriffensein vergriffen ist, prosperiert das Griffige“, heißt es da zum Beispiel. Was beim ersten Lesen vielleicht wie eine sprachliche Spielerei mit verwandten Worten wirken mag und zweifellos auch etwas Verspieltes an sich hat, wird schließlich zu einem beklemmenden Angriff auf das Ich des Autors wie des Lesers: „Sich in jemanden hineinversetzen, der einen aus der Seele gestrichen hat, und so die eigene Abwesenheit erfahren.“

Hier geht es nicht um die Freude am absurden Bild, sondern um eine poetische Anti-Logik, die mit meditativen Wendungen das persönliche Existieren radikal hinterfragt: „Ohne mich schrumpfte ich zu wahrer Größe.“ Jene Frage, mit der André Breton sein Buch Nadja (1928) beginnen lässt, „Wer bin ich?“, erweist sich auf diese Weise als ein Leitmotiv des literarischen Schaffens von Richard Anders.

Weil ein solches Schreiben, das es versteht, den ganzen Menschen in Frage zu stellen, nicht wenige Leser berührte, wurde der einstige Geheimtip zum gesuchten und gefeierten Dichter. 1998 wurde „der letzte Surrealist“, wie die Neue Zürcher Zeitung Richard Anders nannte, mit dem Wolfgang-Köppen-Preis ausgezeichnet. Im Mai 2000 ließ die Süddeutsche Zeitung Richard Anders tagelang mit einem waschechten Segelschiff auf Rädern durch die Berliner Innenstadt fahren, um seine surrealen Eindrücke und Visionen Ausgabe für Ausgabe in einer Kolumne festzuhalten. Die Beobachtungen des Dichters bescherten dem Leser der Süddeutschen einige nicht alltägliche Meldungen aus der deutschen Hauptstadt. Am 16. Mai vollzog Anders am Brandenburger Tor einen Zeitsprung in die Zukunft, wenn nach der globalen Erwärmung Berlin in der Ostsee zu versinken beginnt. Er rettet dann einen Mann, der beim Fall der Berliner Mauer höher gesprungen war als die anderen, seither die Wagenlenkerin von hinten umklammert hält und „schon nasse, kupfergrüne Füße bekommen hat.“ Die Quadriga wollte Anders auf dem Tor lassen, „als Objekt künftiger Unterwasserarchäologie.“

Der Dichter hat es offenbar mit dem feuchten Element. "Klackmusa" nannte er als Kind die nasse Erde, in der er am liebsten spielte. Als ein gelungenes Stück seiner Unterwasserarchäologie darf nun auch Anders gleichnamiges Werk in der Luxemburger KairosEdition gelten, das bislang umfangreichste Prosawerk des Surrealisten. Bei diesem Buch handelt es sich um eine stark erweiterte und überarbeitete Fassung eines Textes, der erstmals 1981 unter dem Titel Ein Lieblingssohn im Ullstein Verlag erschien. Der deutsche Verlag hatte das Buch damals einen „Roman“ genannt, während sich der Luxemburger Verlag offenbar bewusst nicht festlegen will und im Untertitel schreibt, dies wäre „(K)ein Roman“. Wieso das?

Ein Roman aus der Feder eines Surrealisten wäre sicher ein Widerspruch in sich, wenn man bedenkt, mit welchen harten Worten André Breton das Genre Roman verdammte, weil es ein geradliniges, folgerichtiges Denken erfordert, eine reflektierte Kombination von Abläufen. Gerade dies widerstrebt dem vom Surrealismus geforderten unzensierten Schreiben aus dem Unbewussten. Und tatsächlich hat Richard Anders mit Klackamusa einen Nicht-Roman geschrieben. Als sich 1980 der Rowohlt Verlag weigerte, die erste Fassung des Werks herauszubringen, begründete dies ein Lektor damit, dass dies „kein Roman geworden ist, sondern sich in den besseren Partien wie ein Krankheitsbericht liest.“ Der Rezensent Rudolf Lenk wollte hinter der vordergründigen Krankengeschichte allerdings mehr sehen: „Nach 30 Jahren kehrt Anders nach Ortelsburg, der Stätte seiner Kindheit, zurück. Alles ersteht vor dem geistigen Auge: Jugend, Elternhaus, Flucht, Tod des Vaters und eigene Soldatenzeit des 16jährigen. Der Besuch wird zu einem Meer seelischer Erschütterungen, die ihn sogar zur Psychotherapie bringen. Traumbilder und Realität mischen sich in beängstigendem Zwang, der ihn nicht verläßt. Ein Buch für Psychiater? Trotz der vielen einschlägigen Fakten meine ich nicht, denn vieles von der Qual, die der Lieblingssohn durchmacht, haben wir Heimatvertriebenen im Traum und Wachen selbst erlebt und leiden heute noch darunter.“ (Das Ostpreußenblatt). Aber auch diese Sicht des Heimatvertriebenen greift zu kurz. Richard Anders geht es vermutlich in keiner Weise um den Hinweis, dass auch Deutsche Opfer von Krieg und Vertreibung waren.

Das Buch lässt sich in dieser Beziehung nicht mit Im Krebsgang (2002) von Günther Grass in eine Reihe stellen. Auch geht es nicht wie im Werk des Siegfried Lenz um ein Festhalten einer versunkenen Welt im ehemaligen Osten Deutschlands. Richard Anders Buch ist nicht in einem vordergründigen Sinn politisch oder dokumentarisch und ist doch im surrealistischen Sinn ein durch und durch politisches Buch, indem es das Dokument einer radikalen Befreiung von inneren und äußeren Zwängen darstellt.

Sehr tief fährt da ein Mann in das Bergwerk seines Selbst ein, um alles zutage zu fördern, was in ihm verborgen liegt. Verschüttete Erinnerungen an eine verlorene Heimat, Verdrängtes aus einem schwierigen Elternhaus, sexuelle Nöte und Beziehungsängste. Viele Werkzeuge dienen dem Bergmann beim Abbau der Rohstoffe seines Ich: Psychoanalyse, LSD-Sitzungen unter ärztlicher Aufsicht, das Beobachten des eigenen Innenlebens, Träume und automatisches Schreiben. Jeder Versuch, den Inhalt des Buches zusammenzufassen, erschiene dem Rezensenten angesichts dieses Facettenreichtums als ein unstatthaftes Reduzieren.

Doch das Ich wird in diesem Buch nicht nur abgebaut, in seine Bestandteile zerlegt und somit schonungslos relativiert, sondern im Prozess des Schreibens zugleich gefunden: Ohne sich selbst zu seiner wahren Größe schrumpfen, bedeutet für den Autor sich selbst zu finden, indem er den Mut hat sich zu verlieren, in bewussten Erinnerungen und den automatischen Botschaften aus dem Unbewussten. Was als Destruktion des Ich erscheint, wird zu seiner Konstruktion. Ganz im Sinne des Surrealismus ist wiederum, dass bei diesem Wiederfinden des Ich eine Frau eine wichtige Rolle spielt, war doch für André Breton der Mensch nur als Paar vollständig und fähig, eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich“ zu finden. Entsprechend bedeutend wird für die Handlung die Begegnung mit der verstorbenen kroatischen Dichterin Rajna Jordanovic, die Richard Anders‘ Frau wurde.

Aus einem ihrer Träume stammt der letzte Satz in diesem Buch: „Und ich sehe mich selbst wieder vor der Tafel sitzen, nach einem roten Fenster gucken und auf immer neue Bilder des Daseins warten.“

Wer sich ergänzend zu Klackamusa eingehender über das Leben und das Werk des Schriftstellers informieren möchte, dem kann die Sonderausgabe „Richard Anders“ der Zeitschrift Wiecker Bote. Literarische Hefte zur Zeit (Nr. 22-26, 1998) empfohlen werden. Informationen zu Klackamusa und zum Autor findet sich auch auf den Internet-Seiten der KairosEdition (www.kairos.lu).

 

Neue Zürcher Zeitung:

...eine ausschweifende Ehrlichkeit auf der Suche nach dem verschütteten Ich...

 

Frankfurter Rundschau:

Der Erzähler sucht die Fragmente seiner Erfahrungen in den verschiedenen Dimensionen der Realität: Die realen Ruinen der politischen Katastrophe sind die Symbole einer urvergangenen seelischen Zerstörung, die in die Tiefe der Generationen zurückreicht.

 

Die Zeit:

Die Berührung mit Breton war für Richard Anders eine Art brennendes Dornbuscherlebnis. Von Stund an konnte er über den Wassern wandeln und von den Steinen des Wegs leben, die sich in Brot verwandelten. In wunderbar zwischen den Lippen gefundene Worte.

 

Ingeborg Drewitz:

Es ist gut, daß Anders so genau Buch geführt hat, sich nicht schont, sich dem Wunder der Traum-, der Phantasiewelt hingibt. Daß er sich nicht an die Brust schlägt wie einer, der die Ratlosigkeit und die Versuchungen, sich mit ihr einzulassen, hinter sich hat.

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