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Totus Tuus

Marianisches Lesebuch zur Luxemburger Muttergottes-Oktave

Einführung
Volker Zotz

Als der Jesuit Jakob Brocquart im Dezember 1624 im Einklang mit der Marienverehrung des Ordensgründers Ignatius von Loyola eine Schülergruppe seines Luxemburger Kollegs in feierlicher Prozession zu Ehren der Gottesmutter vor die Tore der Stadt führte, pflanzte er den Samen dessen, was zur Muttergottes-Oktave wurde. Wenige Jahre später baute man der "Trösterin der Betrübten" eine Kapelle, die wachsende Pilgerströme anzog, wozu nicht zuletzt die Kunde von wunderbaren Heilungen beitrug.
1666 erwählt man die Trösterin zur Patronin der Stadt und 1678 zur Herrin des Herzogtums Luxemburg. Andere Länder gingen beispielgebend voraus. So wurde Frankreich 1638 der Maria geweiht. 1656 erhob Polen die Mutter Jesu zu seiner Königin. Schon im Mittelalter hatten Gemeinwesen auf Marias Hilfe gesetzt. Messina verwahrte einen Brief als besonderen Schatz, der die Schirmherrschaft der Gottesmutter über die Stadt bestätigte. Maria, die im "Magnificat" (Lukas 1, 46-55) von sich in Bezug auf Gott von der "Niedrigkeit seiner Magd" spricht, war seit der Spätantike zunehmend zur unsichtbaren Herrscherin des Abendlandes geworden, denn der Herr "stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen."

Dass in Maria die mindere Magd als königliche Herrscherin erscheint, ist charakteristisch für diese Gestalt, die in vielerlei Weise Gegensätze in sich vereinigt: Sie wurde als menschliche Frau zur Mutter Gottes; sie ist Jungfrau und Mutter zugleich; im physischen Leib wurde sie in den Himmel aufgenommen. Solches Zusammenfallen dessen, was normalerweise als Widerspruch erscheint, öffnet gerade dadurch, dass es über das in der gegebenen Welt Getrennte hinaus zielt, dem Glauben und der Hoffnung weite Ausblicke. In Maria verkörpert sich derart auch die Sehnsucht nach dem Überwinden irdischen Mangels und Leids, danach, in einer auf vielerlei Weise verunreinigten Welt im tiefsten Sinne rein zu bleiben, nach einer Dimension, die über den leiblichen Tod hinaus weist.

Solche Hoffnungen, das Gegebene mit seinen Widersprüchen zu übersteigen, bedürfen einer Sprache, die das Paradox nicht scheut und von endgültigen Definitionen Abstand nimmt. Aber gerade weil deshalb über Maria nie Abschließendes gesagt werden kann, verstummt das Sprechen über sie nicht. Vom dynamischen Prozess einer Näherung, die kein Ende in der Zeit findet, zeugt die Geschichte der anhaltenden Auseinandersetzung, die in Theologie, Dichtung, Musik und Kunst mit Maria vollzogen wird. Und es zeugt davon die Tatsache, dass Marias Kult wie keine andere Gegebenheit der Welt die Massen anzieht. Allein zahlenmäßig gibt es nichts, was sich mit dem vergleichen ließe, was sich an Orten wie dem mexikanischen Guadalupe, in Lourdes, Fatima und Tschenstochau abspielt. Auch in Luxemburg sind die Oktave im Mai und die Wallfahrt zur Muttergottes von Fatima in Wiltz Jahr für Jahr mit Abstand die am besten besuchten Veranstaltungen des Landes.

Hier erweist sich, wie Maria, die zu Christus führen soll, auch selbst eine Botschaft trägt, die von vielen mit dem Herzen verstanden wird. Darauf wies Papst Johannes Paul II. in den Betrachtungen zum 50. Jahr seiner Priesterweihe Geschenk und Geheimnis (1997) mit einer prägenden religiösen Erkenntnis seiner Jugendzeit hin: "Dass Maria uns zu Christus führt, davon war ich bereits überzeugt, doch damals begann ich zu begreifen, dass auch Christus uns zu seiner Mutter führt."

Im vorliegenden Buch präsentieren die Autoren der einzelnen Kapitel Annäherungen an die Muttergottes-Oktave und Maria. Der Luxemburger Erzbischof Fernand Franck meditiert in seinem Beitrag "Der Gottesmutter die Schlüssel unserer Existenz anvertrauen" über die himmlische Maria, deren Anteil an der Ewigkeit jedes weltliche Reich relativiert. An die Ursprünge und auf den Weg der Oktave in der Zeit führt Andreas Heinz mit seiner historischen Abhandlung "Die Wallfahrt zu Maria, der 'Trösterin der Betrübten'", die das Entstehen dieses großen Festes der Luxemburger Kirche aus dem Einsatz der Jesuiten und der Suche eines Landes und seiner Bewohner nach Heilung und Trost deutlich macht. Georges Hellinghausen zeigt unter dem Titel "Der lange Atem der Geschichte", wie die Oktave unter anderem "am Schnittpunkt von Religions-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte" vielfältige Zukunftsperspektiven eröffnet.

Die dann folgenden Beiträge beschäftigen sich über die Oktave hinaus aus unterschiedlicher Perspektive mit der Bedeutung Marias. Anastasia Bernet bezeugt in ihrem Artikel "Maria zu lieben ... ?" aus einer feministischen Sicht, wie ein zeitgenössischer Mensch, der die marianische Tradition weitgehend als "ein Produkt der Phantasie" sieht, seinen Weg zur Gottesmutter finden kann. Friederike Migneco denkt über "Marias Jawort zum Sein", über Verständnisweisen der Jungfräulichkeit und des Gehorsams der Gottesmutter nach. Volker Zotz betrachtet unter dem Titel "Die Mutter der Ökumene" Maria im Zusammenhang der Weltreligionen. Wilhelm Maria Maas untersucht "Maria-Sophia - 'Sitz der Weisheit'", ein nicht nur im Kontext ostkirchlicher Theologie und Religionsphilosophie wesentliches Motiv der Mariologie.

Die drei abschließenden Texte lyrischer Art von Pierre Teilhard de Chardin, Thomas Merton und Adrienne von Speyr spiegeln Näherungen moderner Mystiker an Maria und laden damit zur Kontemplation ein, vielleicht die angemessenste Art einer Beschäftigung mit der Muttergottes. Um diesem im Grunde poetischen Charakter marianischer Spiritualität gerecht zu werden, finden sich zudem vor jedem Beitrag dieses Buchs Hymnen und Gedichte aus der reichen Tradition der Marienverehrung von der Spätantike bis zur Moderne.

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