Bücher -> Klackamusa -> Leseprobe

 

 

 

 

Kairos ASBL
104, rue de Strasbourg
L-2560 Luxembourg
Tel / Fax +352 26259415
info@kairos.lu

Klackamusa


Richard Anders

Robert weiß noch, welche Angst er vor der Einsegnung hatte. Er hielt sich für ungläubig und keiner guten Tat fähig. Er entschloß sich, wenigstens eine Woche lang die Gebote des Glaubens wörtlich zu befolgen. Er räumte jeden Ast, jeden Stein vom Schulweg, damit keiner darüber stolpern konnte. Er bot alten Frauen, die mit schweren Taschen von der Stadt kamen, seine Hilfe an. Auf das Zureden seiner Eltern hin - sie versprachen ihm schöne Geschenke - ließ Robert sich schließlich doch einsegnen. Sein Einsegnungsspruch lautete: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben."

Vor der Kommunion hatte Robert Angst, er könnte beim Herunterschlucken der Oblate etwas diesem heiligen Akt Ungemäßes denken. Es war wie bei dem Springspiel auf den Karos des Trottoirs: Wenn er einmal glaubte, ein Aufsetzen des Fußes auf den Ritzen bringe Unheil, vermied er es zwanghaft. Nach der Einsegnung durfte Robert lange Hosen anziehen, Wein trinken und mußte nicht, wenn seine Eltern abends Gäste empfingen, ins Kinderzimmer zu Bett.

Robert als Ersatzmann auf einem Propagandalehrgang der HJ an der Samlandküste in der Nähe von Palmnicken. Tagsüber Vorträge, z. B. ein Lichtbildervortrag über die Massengräber von Katyn als Beweise für das russische Untermenschentum. In den deutschen Konzentrationslagern würden die Volksschädlinge viel zu gut behandelt. Abends im Schlafsaal Grölen und Zotenreißen: Wenn ich dran stoße, spritzt mir die Soße. Eine Stimme dazwischen: Aufhören mit den Schweinereien. Roberts Frage an seinen Bettnachbarn in Anbetracht merkwürdiger körperlicher Erscheinungen: Wie kommt es, daß mein Glied manchmal steif wird, ist das krankhaft? Die Antwort des Bettnachbarn: Das kommt davon, wenn man gegen den Wind pißt.

Robert über eine Party mit Offizieren in der Villa seiner verstorbenen Großeltern. Robert: Weil ich eingesegnet war, durfte ich an dieser Erwachsenenveranstaltung teilnehmen. Junge Offiziere von der kurländischen Front. Meine Tante Elsbeth sitzt auf dem grünlila Seidensofa des Musikzimmers und zündet die Kerzen an. Sie liest aus Hölderlins "Gesammelten Werken": Der Tod fürs Vaterland: Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge / Hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, / Wo keck herauf die Würger dringen, / Sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer / Kömmt über sie die Seele der Jünglinge, / Denn die Gerechten schlagen, wie Zauberer, / Und ihre Vaterlandsgesänge / Lähmen die Kniee den Ehrelosen. / ( ... ) Anschließend zieht sie das Grammophon auf und setzt eine neue Stahlnadel ein. Wir lauschen Mozarts "Kleiner Nachtmusik" und unterhalten uns gedämpft in kleinen Gruppen. Serviererinnen mit gerüschelten Häubchen reichen in geschliffenen Kelchgläsern Mosel. Ein junger sympathischer Leutnant erzählt, wie er nach dem Angriff einem schwer verwundet am Boden liegenden Russen mit dem Knobelbecherabsatz den Schädel zertrümmert habe. "Es hat mich Überwindung gekostet", sagte er, "aber wer Gefühlen nachgibt, bricht den Fahneneid."

--> nach oben