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Mit Gita in Indien


Richard Anders

Zwischen den Säulen des Tempels hatte das orangene Gewand des Avatars aufgeleuchtet. Jetzt sah auch ich die kleine Gestalt mit der gewaltigen Haarkrone für wenige Augenblicke, dann war sie hinter einer anderen Säule verschwunden - aber nach einer Weile sah ich sie - langsam die Front der Sitzenden abschreitend, auf der Frauenseite. Es war die Langsamkeit des Ganges, die mich faszinierte als Ausdruck einer wie von den Sternen kommenden Feierlichkeit. Von Zeit zu Zeit blieb der Avatar stehen, um Briefe entgegenzunehmen, ein Foto oder Poster zu unterschreiben, Pakete mit heiliger Asche zu segnen oder auch, um eine mündliche Botschaft anzuhören.
Als sich der Avatar der Seite der Männer näherte, sah ich einige Gläubige reflexartig die Hände zum Gebet zusammenpressen und sie über den Kopf heben. Andere, die in der ersten Reihe saßen, warfen sich mit dem Oberkörper nach vorn, um dem Avatar die Füße zu küssen. Dieser hob leicht abwehrend die Hände empor, während der ihn begleitende bullige Tempeldiener die sich so verhaltenden Gläubigen recht grob, wie mir schien, zurechtwies. Sie ließen sich jedoch, nachdem der Avatar und sein Begleiter vorbei waren, noch einmal nach vorn fallen, um wenigstens die Spuren der heiligen Füße mit den Lippen zu berühren.
Sobald der Avatar in ihrer Nähe war, kam vielen ein fanatischer Glanz in die Augen. Ich sah, wie sie sich im Außersichsein leicht verdrehten. Und wie verhielt ich mich, als es soweit war? Ich verwandelte mich in ein vierfüßiges Tier, krabbelte zwischen sich drängelnden Leibern nach vorn, hob kniend den Oberkörper empor und versuchte, während der bullige Tempeldiener durch heftige Gesten mir tieferes Ducken anbefahl, dem Avatar meinen Brief zu übergeben, vergeblich, er schien meine ausgestreckte Hand nicht zu bemerken. Erst nachdem er schon ein paar Schritte weitergegangen war, sah er sich plötzlich um, blickte mich kurz an, nur so kurz, daß sein Blick, als seine Hand meinen Brief entgegennahm, schon längst abgeschweift war. Wieder zurück auf meinem Platz, sah ich noch, wie der Avatar plötzlich die Rechte hob, ihre Innenfläche nach oben drehte, während sein Arm eine schüttelnde Bewegung machte.
"Jetzt materialisiert er heilige Asche", flüsterte Knut mir zu, aber ich konnte in der hitzeflimmernden Luft über dem Avatar nicht einmal eine Andeutung fliegender Asche sehen. "Du bist blind für Wunder", sagte ich mir. Erst als der Avatar wieder in seinem Tempel verschwunden war, gab der Tempeldiener das Zeichen zum Aufstehen. Schweigend verließ die Menge den Vorplatz.
Auf dem Hauptweg in der Nähe der Kantine traf ich Gita. Sie fragte mich, welchen Eindruck die Erscheinung des Avatars auf mich gemacht habe. Zu meiner eigenen Überraschung antwortete ich: "Keinen besonderen." Sie antwortete, sie sei von seiner Liebe so überwältigt worden, daß sie vergessen habe, ihm ihren Brief zu übergeben. Diese Bemerkung löste eine kleine Panik in mir aus.
"Auch ich liebe dich, Gita."
Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, wollte ich ihn wieder zurücknehmen. Er schien mir unpassend zu sein in einem Augenblick, wo augenscheinlich eine ganz andere Liebe von Gita Besitz ergriffen hatte. War es nicht geradezu lächerlich, auf einen Guru eifersüchtig zu sein, den ich in einem Winkel meines Herzens für einen Betrüger hielt? Ich begleitete Gita bis zu ihrem Wohnblock, wo wir uns auf einen Steinabsatz setzten. Hier waren wir relativ sicher vor Spähern der Verwaltung, die unerlaubte Mann-Frau-Beziehungen auskundschafteten. Gita kam auf die Interviews zu sprechen, die der Avatar häufig nach dem darshan in seinen Privaträumen im Tempel gewähre, um Gläubigen die Möglichkeit zu geben, ihre persönlichen Wünsche und Nöte zu äußern. Wer dazu von ihm empfangen werde, bestimme er allein, wenn man auch darum bitten dürfe. Es habe sich aber gezeigt, daß der Bitte von Gruppen leichter entsprochen würde als der von Einzelpersonen, und deshalb wolle sie vorschlagen, daß eine aus Männern und Frauen zusammengesetzte deutsche Gruppe einen Sprecher wählte, der bei einem darshan dem Avatar die Bitte dieser Gruppe um ein Interview vortragen solle. Sie wolle, daß auch ich dieser Gruppe angehöre, fügte sie zum Schluß hinzu. Ihr Wohlwollen machte mich einen Augenblick lang kühn:
"Gita, was würdest du antworten, wenn der Avatar dich bei einem solchen Interview fragen würde, ob du meine Frau werden willst?"
"Nein!"
"Und wenn er es dir befehlen würde, meine Frau zu werden?"
"Nein!"
"Du würdest dich also gegen den Willen des Avatars auflehnen?"
Gita antwortete, da unterliege ich einem Irrtum. Nie würde der Avatar einen derartigen Befehl geben. Menschliche Verbindungen seien ihm nicht wichtig. Er wolle, daß die Menschen in Verbindung mit dem Göttlichen träten. Was mich nun betreffe, so sei ich zu alt für sie. In zehn Jahren sei ich 65 und dann dürfe ich nach dem Willen des Avatars keine Frau mehr berühren, weil ich mich dann ausschließlich Gott zu widmen hätte. Doch ich gab nicht nach und sagte, daß wahre Liebe solche von außen kommenden Beschränkungen nicht achte. Gita antwortete streng:
"Soll ich noch deutlicher werden? Von dir geht keine erotische Ausstrahlung auf mich aus. Zum wievielten Male muß ich es dir noch wiederholen: Wenn du meine Liebe spürst, ist das keine Geschlechtsliebe sondern die spirituelle Liebe des Avatars, die ich empfange und an dich weitergebe. Robert, wir sind hier im Paradies - weit von aller Wirklichkeit entfernt. Die Welt ist hier, wie sie sein sollte - wie sie vor dem Sündenfall war. Deshalb habe ich hier auch keinerlei sexuelle Bedürfnisse."

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