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Die Suche nach einem sozialen Buddhismus

Friedrich Fenzl und Jôdo Shinshû

Volker Zotz

Dass ein Vertreter der Jôdo Shinshû sich mit Fragen der Ethik beschäftigt, ist nicht unbedingt evident. Für Shinran hatte das Verhalten auf die Erlösung keinen Einfluss. Vor dem Hintergrund der Idee der Wiedergeburt durchlebt man seit anfangloser Zeit unablässig ein Dasein nach dem anderen. Gemäß der Lehre vom Karma wurden so unendlich viele schlechte und gute Taten vollzogen, die sich in der Gegenwart auswirken. Diese unüberblickbare Vorgeschichte jeder Person wiegt für Shinran derart schwer, dass ihm praktisch alle individuellen Taten durch frühere Ereignisse vor- oder zumindest mitbestimmt galten: Was man tut, geschieht weit weniger aus freiem Willen als wegen der Masse zwingender Bedingungen.

Entsprechend heißt es in der Übersetzung des Tannishô, an der Friedrich Fenzl mitwirkte, nicht die Qualität der eigenen Absichten leite das Handeln, sondern die Auswirkung früherer Leben. Denn “man tötet nicht, weil man kein Karma hat, einen einzigen töten zu können, nicht weil das eigene Herz gut ist. Und es könnte auch möglich sein, dass man hundert oder gar tausend Menschen töten würde, wenn man sie auch nicht töten wollte.”

Man enthält sich nicht aufgrund höherer moralischer Entwicklung des Tötens oder Stehlens, sondern weil keine objektiven Ursachen für solche Akte vorliegen. In gleicher Weise tut man nicht etwas Gutes, weil man seinen Charakter läuterte, sondern weil objektive Bedingungen dazu führen. Indem der Mensch nicht Herr seiner Absichten ist, vermag er aus eigenem Antrieb nichts zu tun oder zu lassen, um der Befreiung näher zu kommen.

Jeder Versuch, durch heilsames Wirken und die Enthaltsamkeit von Schlechtem die Erlösung herbeizuführen, scheitert nach Shinran schon wegen der Unfähigkeit zum souveränen Handeln. Sogar die befreiende Hingabe an den Buddha kann niemand aus eigener Absicht vollziehen. Sie muss ihm von Amida geschenkt werden. Erwägungen, welche Maßnahmen der Befreiung dienen, stärken als egoistische Berechnungen das Ich, statt seine Grenzen zu sprengen. Mit anderen Worten: Wer die Erlösung will und dafür Bedingungen schaffen möchte, erlangt sie sicher nicht. Wer die Frage der Erlösung ganz dem Buddha überlässt, ist ihrer gewiss.

Erst wenn der Buddha durch einen Menschen wirkt, verhält dieser sich gut. Was aus der immer begrenzten eigenen Einsicht nicht möglich ist, vollzieht sich durch den inneren Einklang mit der von Amida verkörperten Wahrheit “von selbst” (japanisch: jinen). In der Spontaneität wird verwirklicht, was der Reflexion misslingen muss.

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